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Telemedizin: Online-Sprechstunde in der Cloud

Gesundheitsvorsorge und Medizin stehen vor einer Zeitenwende: EKG, Kontrolle von Blutdruck, Blutzucker-Werten oder andere Routine-Maßnahmen werden weniger beim Hausarzt durchgeführt – digitale Geräte übernehmen das künftig immer mehr, übermitteln die Ergebnisse online zum Arzt. Heute schon greifen Ärzte aus Übersee bei Operationen per Video in hiesige Operationen ein. Stirbt die alte Sprechstunde?
Dr. Susanne Klein, Referatsleiterin bei der Techniker Krankenkasse. Dr. Susanne Klein ist Referatsleiterin für Versorgungsmanagement bei der Techniker Krankenkasse und Expertin für das Pilotprojekt der Online-Sprechstunde. (© 2015 Techniker Krankenkasse)

Nach einer Bitkom-Studie wird sich die medizinische Versorgung in den kommenden zehn Jahren drastisch umwälzen:
• Röntgenaufnahmen werden nicht mehr umständlich per Kurier hin- und her ausgetauscht – gehen künftig in sekundenschnelle per Videotelefonie zum Fachkollegen
• Herz- oder Diabetispatienten werden bequem (für den Patienten) zuhause  beobachtet (wenn er das möchte)
• Die Online-Sprechstunde wird einen Boom erleben, dabei aber nicht die gute alte Sprechstunde unter vier Augen ersetzen

Die Techniker Krankenkasse ist Pionier im Bereich Online-Medizin, kooperiert mit dem Bundesverband Deutscher Dermatologen und dem Lübecker Startup-Unternehmen Patientus GmbH.

mittelstand DIE MACHER sprach über ein Pilotprojekt i. S. digitale Medizin mit Dr. Susanne Klein, der Referatsleiterin vom TK-Versorgungsmanagement.

Sie fahren ein Pilotprojekt zur Online-Sprechstunde: Was testen Sie – und mit welchen ersten Ergebnissen?

Dr. Susanne Klein: In der ersten Pilotphase testen sieben Ärzte aus fünf Praxen derzeit die technischen Prozesse der Online-Videosprechstunde und deren Integration in den täglichen Praxisbetrieb. Erste Rückmeldungen der Ärzte haben bereits bestätigt, dass die Websoftware einfach zu bedienen ist und stabil läuft. Ärzte sind es seit je her gewohnt, dass ihre Patienten bei der Konsultation physisch anwesend sind. Es zeigt sich jedoch, dass sich die Dermatologen in unserem TK-Projekt rasch an die neue Form der Kommunikation per Videotelefonie gewöhnen können.

Ab 2016 möchten wir möglichst viele Dermatologen an unserem Pilotprojekt teilnehmen lassen. In dieser zweiten Phase wird es dann darum gehen, die Erfahrungen von Ärzten und Patienten einzuholen und auszuwerten. Langfristig geht es uns darum, die Online-Sprechstunde in den medizinischen Alltag zu integrieren. Das spart Zeit und Wege für alle. Es geht aber auch darum, die Akzeptanz bei Ärzten und Patienten zu prüfen und zu fördern, denn wir betreten hier ja absolutes Neuland.

Sie Ihre Erkenntnisse auf weitere Fachbereiche übertragbar?

Dr. Susanne Klein: Ja, auf jeden Fall. Und zwar überall dort, wo es nicht erforderlich ist, dass der Patient persönlich zur Behandlung in die Praxis kommt. Wir haben übrigens auch schon gute Erfahrungen mit Online-Therapien gemacht - sei es bei Stotterern oder bei der Behandlung leichter Depressionen.

Ersetzt die Online-Sprechstunde die gute, alte Sprechstunde zwischen Arzt und Patient unter vier Augen?

Dr. Susanne Klein: Sicher wird jeder Arzt seinen Patienten von Zeit zu Zeit persönlich sehen und untersuchen wollen oder müssen - das kann die Online-Sprechstunde sicher nicht ersetzen. Allerdings kann es die Praxis entlasten, wenn der Arzt zum Beispiel am Abend noch einmal kurz Online nachfragt, wie es seinem Patienten geht. Ich denke da vor allem an die Versorgung in ländlichen Gebieten und an chronisch Kranke, wo es häufig nur um ein Update geht. Vollständig ersetzen wird die Online-Sprechstunde die gute, alte Sprechstunde unter vier Augen nicht. In unserem Projekt wird die Online-Sprechstunde in eine laufende Behandlung integriert. Der Erstkontakt, also die Anamnese, Diagnostik und Verordnung der Therapie erfolgt nach wie vor in der Arztpraxis.

Wie müssen Arzt und Patient für eine Online-Sprechstunde technisch ausgestattet sein? Reicht ein Smartphone oder geht das nur mit Laptop oder PC?

Dr. Susanne Klein: Beide Seiten benötigen einen PC oder Laptop mit Internetverbindung und eine handelsübliche Webcam. Für die Software von Patientus, die bei unserem Projekt zum Einsatz kommt, gibt es aktuell keine Smartphone-Lösung. Es wird hier auch schwierig, die ganze Funktionalität auf einem Smartphone-Bildschirm darzustellen. Eine iPad-App ist aber in Planung.

Die Landbevölkerung – eher Gewinner oder Verlierer dieser Entwicklung?

Dr. Susanne Klein: Ganz klar Gewinner. Gerade beim Facharzt-Besuch sind die Fahrstrecken oft länger. Und das entfällt, wenn man Online mit dem Arzt spricht.

Können Sie niedergelassene Ärzte oder Krankenhäuser dem Trend der Digitalisierung widersetzen?

Dr. Susanne Klein: Warum sollten Sie das tun? Die demographische Entwicklung bringt es mit sich, dass immer weniger Ärzte immer mehr Patienten gegenüber stehen. Schon heute laufen viele Prozesse wie Abrechnungen oder Röntgenbilder digital - das spart Zeit und Geld. Und für die Zukunft ist es notwendig, dass auch die Arzt zu Arzt-Kommunikation wie der Arztbrief auf einer sicheren elektronischen Basis steht, die ärztlichen Verordnungen nicht mehr auf Papier gedruckt und verarbeitet werden und es eines Tages auch eine elektronische Patientenakte gibt, auf die die Versicherten auch Zugriff haben. Denn im Augenblick ist es doch so, dass der Patient auf die wenigsten seiner gespeicherten medizinischen Daten Zugriff hat.

Die Digitalisierung aller Lebensbereiche nimmt stark zu, genauso das Durchschnittsalter der Deutschen. Was bedeutet das für Medizin und Gesundheitsvorsorge grundsätzlich?

Dr. Susanne Klein: Die Demografie bringt eine Reihe von Problemen mit sich, doch es sind gerade die digitalen Angebote, die uns die Chance bieten, hier zu guten und innovativen Lösungen zu kommen. Ich nenne Ihnen drei Beispiele: Durch Tele-Monitoring können wir heute in einigen Fällen schon eine mögliche Verschlechterung des Gesundheitszustandes vorhersagen - dadurch vermeiden wir Krankenhausaufenthalte. Oder durch Online-Coaches machen wir Wissen individualisiert einer breiten Masse zugänglich - allein im vergangenen Jahr haben 400.000 Versicherte daran teilgenommen, statt in einen Gesundheitskurs zu gehen. Und ganz neu ist ein Angebot für Tinnitus-Patienten, die ihre Erkrankung damit behandeln, dass Sie ihre Lieblingsmusik auf ihrem Smartphone hören. Alle diese Angebote haben eines gemeinsam: Sie sparen Zeit der Ärzte in der Praxis oder im Krankenhaus.

Wie verändern sich insgesamt Diagnose-Methoden in den kommenden Jahren?

Dr. Susanne Klein: Ein großes Thema ist dabei die individualisierte Medizin. Wenn es gelingt, Daten zum Nutzen des Patienten besser zusammenzuführen, verbessert sich damit automatisch die Entscheidungsgrundlage für die Diagnose und Therapie.

Stichwort Telechirurgie: Wie muss man sich Operationen in zehn Jahren vorstellen?

Dr. Susanne Klein: Computer bzw. Roboter werden eine größere Rolle spielen. Schon heute gibt es Methoden, die vor 20 Jahren noch undenkbar schienen. In Dachau bei München zum Beispiel operiert einer unserer Vertragspartner Frauen mit einem gutartigen Tumor in der Gebärmutter ohne Messer, sondern mit der Maus seines Computers. Möglich macht das ein fokussierter Ultraschall, mit dem die Patientin ohne Narkose unblutig operiert wird und unmittelbar nach der Behandlung als geheilt entlassen wird.

So funktionieren die Online-Sprechstunden mit PC oder Laptop, eine (taugliche) Internetverbindung und eine Webcam:

• Patient loggt sich mit PC oder Laptop auf die Webseite (des Kooperationspartners Patientus www.patientus.de/login ) ein
• Patient gibt sechsstelligen Code (Termin-Tan) ein und wählt sich so in das virtuelle Wartezimmer ein
• Nach der Sprechstunde mit dem Arzt via Bildschirm wird die Sitzung unterbrochen

Anreiz der Techniker Krankenkasse: Sie vergütet jede Online-Sprechstunde ihrer Versicherten mit einem Fix-Betrag.

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Dr. Susanne Klein, Referatsleiterin bei der Techniker Krankenkasse. Dr. Susanne Klein ist Referatsleiterin für Versorgungsmanagement bei der Techniker Krankenkasse und Expertin für das Pilotprojekt der Online-Sprechstunde. (© 2015 Techniker Krankenkasse)

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• Röntgenaufnahmen werden nicht mehr umständlich per Kurier hin- und her ausgetauscht – gehen künftig in sekundenschnelle per Videotelefonie zum Fachkollegen
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Die Techniker Krankenkasse ist Pionier im Bereich Online-Medizin, kooperiert mit dem Bundesverband Deutscher Dermatologen und dem Lübecker Startup-Unternehmen Patientus GmbH.

mittelstand DIE MACHER sprach über ein Pilotprojekt i. S. digitale Medizin mit Dr. Susanne Klein, der Referatsleiterin vom TK-Versorgungsmanagement.

Sie fahren ein Pilotprojekt zur Online-Sprechstunde: Was testen Sie – und mit welchen ersten Ergebnissen?

Dr. Susanne Klein: In der ersten Pilotphase testen sieben Ärzte aus fünf Praxen derzeit die technischen Prozesse der Online-Videosprechstunde und deren Integration in den täglichen Praxisbetrieb. Erste Rückmeldungen der Ärzte haben bereits bestätigt, dass die Websoftware einfach zu bedienen ist und stabil läuft. Ärzte sind es seit je her gewohnt, dass ihre Patienten bei der Konsultation physisch anwesend sind. Es zeigt sich jedoch, dass sich die Dermatologen in unserem TK-Projekt rasch an die neue Form der Kommunikation per Videotelefonie gewöhnen können.

Ab 2016 möchten wir möglichst viele Dermatologen an unserem Pilotprojekt teilnehmen lassen. In dieser zweiten Phase wird es dann darum gehen, die Erfahrungen von Ärzten und Patienten einzuholen und auszuwerten. Langfristig geht es uns darum, die Online-Sprechstunde in den medizinischen Alltag zu integrieren. Das spart Zeit und Wege für alle. Es geht aber auch darum, die Akzeptanz bei Ärzten und Patienten zu prüfen und zu fördern, denn wir betreten hier ja absolutes Neuland.

Sie Ihre Erkenntnisse auf weitere Fachbereiche übertragbar?

Dr. Susanne Klein: Ja, auf jeden Fall. Und zwar überall dort, wo es nicht erforderlich ist, dass der Patient persönlich zur Behandlung in die Praxis kommt. Wir haben übrigens auch schon gute Erfahrungen mit Online-Therapien gemacht - sei es bei Stotterern oder bei der Behandlung leichter Depressionen.

Ersetzt die Online-Sprechstunde die gute, alte Sprechstunde zwischen Arzt und Patient unter vier Augen?

Dr. Susanne Klein: Sicher wird jeder Arzt seinen Patienten von Zeit zu Zeit persönlich sehen und untersuchen wollen oder müssen - das kann die Online-Sprechstunde sicher nicht ersetzen. Allerdings kann es die Praxis entlasten, wenn der Arzt zum Beispiel am Abend noch einmal kurz Online nachfragt, wie es seinem Patienten geht. Ich denke da vor allem an die Versorgung in ländlichen Gebieten und an chronisch Kranke, wo es häufig nur um ein Update geht. Vollständig ersetzen wird die Online-Sprechstunde die gute, alte Sprechstunde unter vier Augen nicht. In unserem Projekt wird die Online-Sprechstunde in eine laufende Behandlung integriert. Der Erstkontakt, also die Anamnese, Diagnostik und Verordnung der Therapie erfolgt nach wie vor in der Arztpraxis.

Wie müssen Arzt und Patient für eine Online-Sprechstunde technisch ausgestattet sein? Reicht ein Smartphone oder geht das nur mit Laptop oder PC?

Dr. Susanne Klein: Beide Seiten benötigen einen PC oder Laptop mit Internetverbindung und eine handelsübliche Webcam. Für die Software von Patientus, die bei unserem Projekt zum Einsatz kommt, gibt es aktuell keine Smartphone-Lösung. Es wird hier auch schwierig, die ganze Funktionalität auf einem Smartphone-Bildschirm darzustellen. Eine iPad-App ist aber in Planung.

Die Landbevölkerung – eher Gewinner oder Verlierer dieser Entwicklung?

Dr. Susanne Klein: Ganz klar Gewinner. Gerade beim Facharzt-Besuch sind die Fahrstrecken oft länger. Und das entfällt, wenn man Online mit dem Arzt spricht.

Können Sie niedergelassene Ärzte oder Krankenhäuser dem Trend der Digitalisierung widersetzen?

Dr. Susanne Klein: Warum sollten Sie das tun? Die demographische Entwicklung bringt es mit sich, dass immer weniger Ärzte immer mehr Patienten gegenüber stehen. Schon heute laufen viele Prozesse wie Abrechnungen oder Röntgenbilder digital - das spart Zeit und Geld. Und für die Zukunft ist es notwendig, dass auch die Arzt zu Arzt-Kommunikation wie der Arztbrief auf einer sicheren elektronischen Basis steht, die ärztlichen Verordnungen nicht mehr auf Papier gedruckt und verarbeitet werden und es eines Tages auch eine elektronische Patientenakte gibt, auf die die Versicherten auch Zugriff haben. Denn im Augenblick ist es doch so, dass der Patient auf die wenigsten seiner gespeicherten medizinischen Daten Zugriff hat.

Die Digitalisierung aller Lebensbereiche nimmt stark zu, genauso das Durchschnittsalter der Deutschen. Was bedeutet das für Medizin und Gesundheitsvorsorge grundsätzlich?

Dr. Susanne Klein: Die Demografie bringt eine Reihe von Problemen mit sich, doch es sind gerade die digitalen Angebote, die uns die Chance bieten, hier zu guten und innovativen Lösungen zu kommen. Ich nenne Ihnen drei Beispiele: Durch Tele-Monitoring können wir heute in einigen Fällen schon eine mögliche Verschlechterung des Gesundheitszustandes vorhersagen - dadurch vermeiden wir Krankenhausaufenthalte. Oder durch Online-Coaches machen wir Wissen individualisiert einer breiten Masse zugänglich - allein im vergangenen Jahr haben 400.000 Versicherte daran teilgenommen, statt in einen Gesundheitskurs zu gehen. Und ganz neu ist ein Angebot für Tinnitus-Patienten, die ihre Erkrankung damit behandeln, dass Sie ihre Lieblingsmusik auf ihrem Smartphone hören. Alle diese Angebote haben eines gemeinsam: Sie sparen Zeit der Ärzte in der Praxis oder im Krankenhaus.

Wie verändern sich insgesamt Diagnose-Methoden in den kommenden Jahren?

Dr. Susanne Klein: Ein großes Thema ist dabei die individualisierte Medizin. Wenn es gelingt, Daten zum Nutzen des Patienten besser zusammenzuführen, verbessert sich damit automatisch die Entscheidungsgrundlage für die Diagnose und Therapie.

Stichwort Telechirurgie: Wie muss man sich Operationen in zehn Jahren vorstellen?

Dr. Susanne Klein: Computer bzw. Roboter werden eine größere Rolle spielen. Schon heute gibt es Methoden, die vor 20 Jahren noch undenkbar schienen. In Dachau bei München zum Beispiel operiert einer unserer Vertragspartner Frauen mit einem gutartigen Tumor in der Gebärmutter ohne Messer, sondern mit der Maus seines Computers. Möglich macht das ein fokussierter Ultraschall, mit dem die Patientin ohne Narkose unblutig operiert wird und unmittelbar nach der Behandlung als geheilt entlassen wird.

So funktionieren die Online-Sprechstunden mit PC oder Laptop, eine (taugliche) Internetverbindung und eine Webcam:

• Patient loggt sich mit PC oder Laptop auf die Webseite (des Kooperationspartners Patientus www.patientus.de/login ) ein
• Patient gibt sechsstelligen Code (Termin-Tan) ein und wählt sich so in das virtuelle Wartezimmer ein
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