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Digitalisierung: "Wir erleben einen Skill-Shift"

Die Digitalisierung verändert massiv unsere Wirtschafts- und Arbeitswelt. Das schafft nicht nur Gewinner, sondern auch Verlierer. Dr. Joël Luc Cachelin hat darüber gerade ein Buch geschrieben: "Offliner - Gegenkultur der Digitalisierung" (Stämpfli Verlag). mittelstand DIE MACHER wollte von ihm wissen, wie sich das Management wandeln muss. Hier das Interview...
Joël Luc Cachelin Joël Luc Cachelin: "Die Digitalisierung verändert massiv unsere Arbeitswelt." (© 2015 Carlos Meyer / KOLT)

Cachelin hat zur Zukunft des Managements in der Schweiz promoviert, seit 2009 ist er Geschäftsführer der Wissensfabrik, einem Think Tank für die Herausforderungen der digitalen Wissensgesellschaft. Ein Grund mehr ihn zur Digitalisierung und das künftige Verhältnis von Mensch und Maschine zu interviewen...

Herr Cachelin, in Ihrem Buch Offliner beschreiben Sie eine Art Gegenkultur zur Digitalisierung. Sind Sie Internet-Pessimist?

Nein, im Gegenteil. Ich bin ein reger Internet-Nutzer und freue mich sehr auf die weitere Verbreitung des Internets. Das Internet der Dinge und die Augmented Reality werden unsere Leben noch einfacher und intensiver machen. Jedoch denke ich, dass wir uns alle an der Gestaltung der weiteren Digitalisierung beteiligen sollten. Sonst werden viele einst in einer digitalen Zukunft leben, die sie sich ganz anders gewünscht haben.

Welche Nachteile sehen Sie denn in der Digitalisierung?

Heikel wird die Digitalisierung, wenn sie fremdbestimmt ist. Wenn also andere darüber bestimmen, wie mein digitaler Lebensstil auszusehen hat – zum Beispiel welche digitalen Profile oder Chips ich haben muss, um an der Gesellschaft und mit ihr an der Wirtschaft teilzuhaben. Problematisch sind auch der hohe Ressourcenbedarf der digitalen Gesellschaft oder die neuen Machtzentren, die mit der Digitalisierung entstehen. Digitale Konzerne kapern nicht nur unsere Daten, sie üben auch sehr viel Macht über unseren Konsum und über Techniken des Social Engineerings auch auf die Gesellschaft aus. Sie beeinflussen Stimmungen, welche Informationen zu uns dringen und wer mit wem in Kontakt kommt – zum Beispiel über Dating-Apps.

Angeblich sind Sie nicht der einzige, der so denkt. In Ihrem Buch beschreiben Sie gleich 16 Offliner-Typen. Welche sollen das sein?

Es gibt eben ganz unterschiedliche Gründe, um sich gegen die Digitalisierung und deren Treiber aufzulehnen. Diese Ängste und Veränderungswünsche habe ich versucht zu strukturieren. Es gibt eine wirtschaftliche, eine politische, eine gesellschaftliche und eine technologische Fraktion. Die Typologie umfasst Entschleuniger, Nachhaltige, Romantiker, Datenschützer oder Transhumanisten, die das Verschmelzen von Mensch und Maschine verhindern wollen. Sie haben Angst, dass der Mensch einst von Maschinen vom Planeten verdrängt wird.

Haben Sie selbst Angst vor Maschinen und Robotern?

Persönlich habe ich keine Angst, nein. Die Maschinen sind ja von uns erschaffen und haben vorerst noch kein Eigenleben. Für mich ist der Mensch aber nicht der Endpunkt der Evolution. Es wird Leben geben, das unsere Intelligenz übersteigt. Wir müssen aber jetzt die Weichen stellen, damit Mensch und Maschine als Symbiose zusammenleben werden.

Was glauben Sie denn, wie die Digitalisierung die Arbeitswelt verändert?

Die Digitalisierung führt sicher dazu, dass es in allen Unternehmen mehr Maschinen in der Belegschaft gibt. Damit meine ich nicht nur Roboter, sondern auch Drohnen, Automaten und Algorithmen. Entsprechend wird auch die Arbeitswelt der Zukunft eine Symbiose aus Mensch und Maschine sein. Zudem glaube ich, dass Arbeitswelten vermehrt die Hypervernetzung ihrer Umwelt wiederspiegeln müssen. Die meisten Unternehmen sind in Ihren Innenwelten noch unter-komplex, schotten sich also von der Umwelt ab und sind in Bezug auf die technische, soziale und ökonomische Vernetzung noch wenig weit. Es ist offensichtlich, dass solche neuen Arbeitswelten neue Ansätze in Management und Führung voraussetzen.

Beschreiben Sie bitte diese neue Führung.

Ich arbeite im Moment mit dem Bild des DJs oder der DJane, um die Rolle der neuen Führungskräfte zu verbildlichen: Diese gestalten das Programm und sorgen für eine gute Stimmung. Dabei passen sie ihr Programm der Situation an, suchen also aktiv Feedback. Ein zentraler Unterschied zu früheren Arbeitswelten ist auch die Tatsache, dass die Führungskraft oder eben der DJ kein Problem hat in das zweite Glied zurückzukehren. Ein DJ legt nur ein bis zwei Stunden auf und geht dann im Publikum auf oder geht an die nächste Party beziehungsweise nach Hause. Für die Zukunft brauchen wir Führungskräfte, die situativ führen und dann die Bühne anderen überlassen, weil sie für eine spezifische Aufgabe mehr Kompetenz oder Erfahrung. Das setzt gute Fähigkeiten im Umgang mit Vielfalt und Unsicherheit voraus.

Sie betonen oft die Unsicherheit. Die Digitalisierung schafft doch auch zahlreiche Jobs...

Sicher, es gibt neue Jobs. App-Entwickler und Social Media Manager gab es vor wenigen Jahren noch nicht. Ich warne aber davor, den exponentiellen Verlauf der Digitalisierung zu unterschätzen. Der digitale Wandel beschleunigt und verstärkt sich selbst. In den nächsten zehn Jahren wird also trotz Gegenbewegung der Offliner mehr passieren als in den letzten Jahren. Unternehmen, die ihre Prozesse und Geschäftsmodelle nicht der digitalen Gesellschaft anpassen, werden diesen Wandel nicht überleben. Ein exponentieller Verlauf heisst auch, dass die Maschinen immer schneller immer mehr können. Neue Jobs ersetzen also zahlenmässig kaum die vielen, die verloren gehen. Zudem erleben wir einen Skill-Shift. Der Einzug der Maschinen in die Unternehmen macht die bestehenden Jobs anspruchsvoller.

Wer gehört dann zu den Gewinnern der Digitalisierung?

Gewinner sind jene Individuen, Unternehmen und Staaten, die sich aktiv mit der Digitalisierung und deren Folgen beschäftigen. Es gibt neben der sozialen, technischen und ökonomischen Vernetzung weitere Märkte, in denen die Zukunft entsteht. Dazu zähle ich zum Beispiel das Recycling, die digitale Sicherheit oder die Identitätsfindung. Daneben bringen die Oflfiner neue Märkte hervor. Sie wünschen sich mehr Offline-Momente, mehr Anonymität, mehr Nachhaltigkeit, mehr Selbstbestimmung. Selbstreflexion, Vernetzung, Wissensmanagement, Veränderungs- und Anpassungsfähigkeiten und Selbstinszenierung sind wichtige Erfolgsfaktoren in der digitalen Ökonomie.

Und die Verlierer? Wenn es nicht gelingt, die Gegner und Skeptiker zu überzeugen...

Verlierer sind letztlich alle, die aus der digitalen Gesellschaft ausgeschlossen werden – weil sie nicht über die Fähigkeiten, die Infrastruktur oder die Netzwerke haben, um sich zu beteiligen. Das kann man wieder auf der Ebene von Individuum, Unternehmen und Gesellschaft lesen: Wenn es nicht gelingt, die Verlierer durch Politik, Bildung und Service Public einzubinden, droht ein Chaos. Die Verlierer werden sich langfristig nicht einfach damit abfinden, nicht dazuzugehören. Gefährlich wird es insbesondere dann, wenn die Ressourcen knapp werden, die für das weitere Vorantreiben der Digitalisierung nötig sind.

Herr Cachelin, wir danken für das Gespräch.

 

 

Weiterbildung im digitalen Zeitalter: Warum E-Learning auch für mittelständische Betriebe immer wichtiger wird, erklären ...

  • Jan Renz, Hasso-Plattner-Institut für Softwaresystemtechnik, und
  • Lutz Görtz, MMB-Institut für Medien- und Kompetenzforschung in diesem Video:

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Die Digitalisierung verändert massiv unsere Wirtschafts- und Arbeitswelt. Das schafft nicht nur Gewinner, sondern auch Verlierer. Dr. Joël Luc Cachelin hat darüber gerade ein Buch geschrieben: "Offliner - Gegenkultur der Digitalisierung" (Stämpfli Verlag). mittelstand DIE MACHER wollte von ihm wissen, wie sich das Management wandeln muss. Hier das Interview...
Joël Luc Cachelin Joël Luc Cachelin: "Die Digitalisierung verändert massiv unsere Arbeitswelt." (© 2015 Carlos Meyer / KOLT)

Cachelin hat zur Zukunft des Managements in der Schweiz promoviert, seit 2009 ist er Geschäftsführer der Wissensfabrik, einem Think Tank für die Herausforderungen der digitalen Wissensgesellschaft. Ein Grund mehr ihn zur Digitalisierung und das künftige Verhältnis von Mensch und Maschine zu interviewen...

Herr Cachelin, in Ihrem Buch Offliner beschreiben Sie eine Art Gegenkultur zur Digitalisierung. Sind Sie Internet-Pessimist?

Nein, im Gegenteil. Ich bin ein reger Internet-Nutzer und freue mich sehr auf die weitere Verbreitung des Internets. Das Internet der Dinge und die Augmented Reality werden unsere Leben noch einfacher und intensiver machen. Jedoch denke ich, dass wir uns alle an der Gestaltung der weiteren Digitalisierung beteiligen sollten. Sonst werden viele einst in einer digitalen Zukunft leben, die sie sich ganz anders gewünscht haben.

Welche Nachteile sehen Sie denn in der Digitalisierung?

Heikel wird die Digitalisierung, wenn sie fremdbestimmt ist. Wenn also andere darüber bestimmen, wie mein digitaler Lebensstil auszusehen hat – zum Beispiel welche digitalen Profile oder Chips ich haben muss, um an der Gesellschaft und mit ihr an der Wirtschaft teilzuhaben. Problematisch sind auch der hohe Ressourcenbedarf der digitalen Gesellschaft oder die neuen Machtzentren, die mit der Digitalisierung entstehen. Digitale Konzerne kapern nicht nur unsere Daten, sie üben auch sehr viel Macht über unseren Konsum und über Techniken des Social Engineerings auch auf die Gesellschaft aus. Sie beeinflussen Stimmungen, welche Informationen zu uns dringen und wer mit wem in Kontakt kommt – zum Beispiel über Dating-Apps.

Angeblich sind Sie nicht der einzige, der so denkt. In Ihrem Buch beschreiben Sie gleich 16 Offliner-Typen. Welche sollen das sein?

Es gibt eben ganz unterschiedliche Gründe, um sich gegen die Digitalisierung und deren Treiber aufzulehnen. Diese Ängste und Veränderungswünsche habe ich versucht zu strukturieren. Es gibt eine wirtschaftliche, eine politische, eine gesellschaftliche und eine technologische Fraktion. Die Typologie umfasst Entschleuniger, Nachhaltige, Romantiker, Datenschützer oder Transhumanisten, die das Verschmelzen von Mensch und Maschine verhindern wollen. Sie haben Angst, dass der Mensch einst von Maschinen vom Planeten verdrängt wird.

Haben Sie selbst Angst vor Maschinen und Robotern?

Persönlich habe ich keine Angst, nein. Die Maschinen sind ja von uns erschaffen und haben vorerst noch kein Eigenleben. Für mich ist der Mensch aber nicht der Endpunkt der Evolution. Es wird Leben geben, das unsere Intelligenz übersteigt. Wir müssen aber jetzt die Weichen stellen, damit Mensch und Maschine als Symbiose zusammenleben werden.

Was glauben Sie denn, wie die Digitalisierung die Arbeitswelt verändert?

Die Digitalisierung führt sicher dazu, dass es in allen Unternehmen mehr Maschinen in der Belegschaft gibt. Damit meine ich nicht nur Roboter, sondern auch Drohnen, Automaten und Algorithmen. Entsprechend wird auch die Arbeitswelt der Zukunft eine Symbiose aus Mensch und Maschine sein. Zudem glaube ich, dass Arbeitswelten vermehrt die Hypervernetzung ihrer Umwelt wiederspiegeln müssen. Die meisten Unternehmen sind in Ihren Innenwelten noch unter-komplex, schotten sich also von der Umwelt ab und sind in Bezug auf die technische, soziale und ökonomische Vernetzung noch wenig weit. Es ist offensichtlich, dass solche neuen Arbeitswelten neue Ansätze in Management und Führung voraussetzen.

Beschreiben Sie bitte diese neue Führung.

Ich arbeite im Moment mit dem Bild des DJs oder der DJane, um die Rolle der neuen Führungskräfte zu verbildlichen: Diese gestalten das Programm und sorgen für eine gute Stimmung. Dabei passen sie ihr Programm der Situation an, suchen also aktiv Feedback. Ein zentraler Unterschied zu früheren Arbeitswelten ist auch die Tatsache, dass die Führungskraft oder eben der DJ kein Problem hat in das zweite Glied zurückzukehren. Ein DJ legt nur ein bis zwei Stunden auf und geht dann im Publikum auf oder geht an die nächste Party beziehungsweise nach Hause. Für die Zukunft brauchen wir Führungskräfte, die situativ führen und dann die Bühne anderen überlassen, weil sie für eine spezifische Aufgabe mehr Kompetenz oder Erfahrung. Das setzt gute Fähigkeiten im Umgang mit Vielfalt und Unsicherheit voraus.

Sie betonen oft die Unsicherheit. Die Digitalisierung schafft doch auch zahlreiche Jobs...

Sicher, es gibt neue Jobs. App-Entwickler und Social Media Manager gab es vor wenigen Jahren noch nicht. Ich warne aber davor, den exponentiellen Verlauf der Digitalisierung zu unterschätzen. Der digitale Wandel beschleunigt und verstärkt sich selbst. In den nächsten zehn Jahren wird also trotz Gegenbewegung der Offliner mehr passieren als in den letzten Jahren. Unternehmen, die ihre Prozesse und Geschäftsmodelle nicht der digitalen Gesellschaft anpassen, werden diesen Wandel nicht überleben. Ein exponentieller Verlauf heisst auch, dass die Maschinen immer schneller immer mehr können. Neue Jobs ersetzen also zahlenmässig kaum die vielen, die verloren gehen. Zudem erleben wir einen Skill-Shift. Der Einzug der Maschinen in die Unternehmen macht die bestehenden Jobs anspruchsvoller.

Wer gehört dann zu den Gewinnern der Digitalisierung?

Gewinner sind jene Individuen, Unternehmen und Staaten, die sich aktiv mit der Digitalisierung und deren Folgen beschäftigen. Es gibt neben der sozialen, technischen und ökonomischen Vernetzung weitere Märkte, in denen die Zukunft entsteht. Dazu zähle ich zum Beispiel das Recycling, die digitale Sicherheit oder die Identitätsfindung. Daneben bringen die Oflfiner neue Märkte hervor. Sie wünschen sich mehr Offline-Momente, mehr Anonymität, mehr Nachhaltigkeit, mehr Selbstbestimmung. Selbstreflexion, Vernetzung, Wissensmanagement, Veränderungs- und Anpassungsfähigkeiten und Selbstinszenierung sind wichtige Erfolgsfaktoren in der digitalen Ökonomie.

Und die Verlierer? Wenn es nicht gelingt, die Gegner und Skeptiker zu überzeugen...

Verlierer sind letztlich alle, die aus der digitalen Gesellschaft ausgeschlossen werden – weil sie nicht über die Fähigkeiten, die Infrastruktur oder die Netzwerke haben, um sich zu beteiligen. Das kann man wieder auf der Ebene von Individuum, Unternehmen und Gesellschaft lesen: Wenn es nicht gelingt, die Verlierer durch Politik, Bildung und Service Public einzubinden, droht ein Chaos. Die Verlierer werden sich langfristig nicht einfach damit abfinden, nicht dazuzugehören. Gefährlich wird es insbesondere dann, wenn die Ressourcen knapp werden, die für das weitere Vorantreiben der Digitalisierung nötig sind.

Herr Cachelin, wir danken für das Gespräch.

 

 

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  • Jan Renz, Hasso-Plattner-Institut für Softwaresystemtechnik, und
  • Lutz Görtz, MMB-Institut für Medien- und Kompetenzforschung in diesem Video:

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